Von Schreibregeln in die Irre geführt! – Meine Erfahrungen als Roman-Autorin

Hallo liebe Leser,

als Autorin mit professionellen Ansprüchen verschlingt man ja so einiges an Schreibratgebern. Schreibtipps, Schreibschulen, Autorenratgeber – überall lauern interessante Verlockungen. Teilweise helfen sie einem wirklich weiter, aber wenn man einige Regeln zu streng nimmt, können sie dem eigenen Roman schaden. Und: Nicht jede Regel taugt für jeden Roman. Im Folgenden stehen mal ein paar Regeln, die mir beim Schreiben meiner Fantasy-Romane aus der Reihe „Das Universum der Ancris“ nicht so gut getan haben und wo ich deshalb andere Lösungen für meine Romane finden musste.

Erkläre nichts, sondern lass die Szene für sich sprechen!

Dieser Tipp ist echt gut, wenn man zum Erklären von Szenen und Handlungen neigt, die jeder kennt. Also: „Um ihn zu erschießen, zog ich den Revolver.“ Aber wenn man eine neue Fantasywelt entwirft, die wirklich sehr ungewöhnlich ist und wo so vieles anders ist, dann sollte man meiner Erfahrung nach besser deutlicher werden. Denn „Er richtete den Finger auf ihn“ wird nicht unbedingt jeder Leser als Todesdrohung erkennen. Man kann das zwar durch eine Morddrohung per Dialog verstärken, aber wer die Regeln der Fantasywelt nicht kennt, könnte sich immer noch verwirrt fragen: Er droht mit seinem Finger?! Er hat doch gar keine Waffe in der Hand! (Im Astarian-Roman wird Magie mit den Fingern verschossen.)

Deshalb habe ich in der nun veröffentlichten Astarian-Version wieder mehr klärende Sätze eingefügt. – Und zwischen platter Erklärung, die den Leser aus dem Text herauswirft, und einer harmonisch in den Text hineingewobenen Erklärung gibt es einen sehr großen Unterschied!

Meide Adjektive!

Dieser Schreibtipp ist ja auch schön und gut und man sollte schon schauen, was man an Adjektiven einsparren kann. Aber für die Atmosphäre meines Astarian-Romans ist gerade die Farbsymbolik sehr wichtig (gelbe Lichthäuser, universumsschwarzer Himmel, herrschaftsblaue Robe und Blaugrün als Farbe der Macht). Und Farben lassen sich denkbar schlecht durch sprachliche Tricks umgehen. Ich mag hier auch nicht den Rat annehmen, Farben seien für den Roman nicht wichtig. Das stimmt sicher beim grauen Krimi oder einer trostlosen Mittelalterwelt, aber nicht bei einer Fantasywelt, der ziemlich farbenfroh ist.

Streiche alles Überflüssige!

Irgendwie hat die Lektüre von Schreibtipps bei mir damals zu dem Eindruck geführt, dass man alles weglassen sollte, was nicht unbedingt nötig für eine Szene ist – und auch Ballast innerhalb eines Satzes sollte man gefälligst streichen, also Füllwörter und unnötige Attribute.

Tja nun … das hatte ich noch vor zwei Jahren in vollendeter Form drauf – mit dem Ergebnis, dass einige Testleser die Geschichte als „irgendwie“ komplex empfanden. Auch ich selbst merkte beim Lesen, das es nicht das optimale Lesegefühl ist, ich war auch nicht so glücklich damit.

 

Fiktive Beispiele, die aber gewisse Prinzipien zeigen:

„Er steckte den Finger in das Loch hinein.“

„Er steckte den Finger ins Loch.“

(*ich damals*: Hey, wer braucht schon das „hinein“?)

 

„Er schlug die Zimmertür hinter sich zu.“

„Er schlug die Tür zu.“

(*ich damals*: Der Rest ist doch wegen der Szene klar!)

 

„Er hatte ihn nicht kommen hören.

„Er hatte nichts gehört.“

(*ich damals*: Ha! Wieder geschafft, ein paar Zeichen zu sparen! So kommt der Leser schneller voran!)

 

„Er blickte ihn eine Weile lang an, dann erst öffnete er den Mund.“

„Er blickte ihn an, öffnete dann den Mund.“

(*ich damals*: Der zweite Satz liest sich wunderbar flüssig und die Füllwörter-Gegner werden es mir danken!)

 

„Die Platte schwebte ein kleines Stück über dem Boden. Auf ihr lag ein Berg voller Bücher.“

„Auf der schwebenden Platte lagen viele Bücher.“

(*ich damals*: Der zweite Satz sagt doch das Wesentliche!)

 

„Er sah das Mädchen an. Seine Augen waren voller Traurigkeit.“

„Mit traurigen Augen sah er sie an.“

(*ich damals*: Warum zwei kurze Sätze, wenn man einen kurzen Satz draus machen kann? Erfüllt das das Gebot „Kurze Sätze!“ doch genauso perfekt!)

 

„Er nahm den grauen und den blauen Stein und ging damit zur Schule.“

„Er nahm den grauen und blauen Stein und ging zur Schule.“

(*ich damals*: Bin ich nicht clever? Ich habe sogar entdeckt, wo man Artikel und Pronomen sparen kann!)

 

Wie ihr seht, sind die zweiten Sätze mehr oder weniger kürzer. Und mit lauter solchen kleinen Tricks spart man über 400 Seiten echt eine ganze Menge Text ein. Ich kenne noch viel mehr davon. Die obigen kurzen Sätze sind oft nicht „an sich“ schlecht. Aber jetzt stellt euch vor, Satz 1 wäre „eigentlich gemeint“, ihr bekämet aber nur Satz 2 im Roman zu lesen. Da geht bisweilen so einiges an Atmosphäre verloren.

Solche einzelnen Sachen merken die meisten Leser kaum. Tückisch ist es aber, wenn sich all diese Sparmaßnahmen häufen und addieren. Das macht das Lesen anspruchsvoller, weil dann bei jedem Satz eine etwas größere Interpretationsleistung nötig ist.

Nehmen wir mal das Beispiel:

„Er schlug die Zimmertür hinter sich zu.“

„Er schlug die Tür zu.“

So mancher Sparer (oder auch mancher Lektor) wird sagen: „Die ‚Zimmertür‘ und das ‚hinter sich‘ können Sie sich sparen, das geht schließlich aus der Szene klar hervor. Logisch, dass er die Tür nicht vor sich zuschlagen wird, und wir wissen bereits seit dem Kapitelanfang, dass sie bei seinem Zimmer stehen und nicht vor der Haustür.“

Manchmal hat der Lektor damit recht, manchmal aber tut man gut daran, dem Leser bei seiner Intuition auf die Sprünge zu helfen – erst recht, wenn man einen Roman in einer ganz neuen Fantasywelt wie „Astarian – Das Universum der Ancris“ schreibt, das habe ich begriffen.

Wie gesagt, ich weiß nicht, wo ich diesen Sparzwang herhatte, aber durch das Lesen normaler Bücher entstand er sicherlich nicht.

An die Autorenkollegen und anderen Schreiber: Haben auch euch manche Schreibtipps eine Zeit lang auf bestimmte Trips gebracht, von denen ihr dann wieder auf ein „normales“ Maß runterkommen musstet?

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4 Antworten zu Von Schreibregeln in die Irre geführt! – Meine Erfahrungen als Roman-Autorin

  1. Hannah S. Baum schreibt:

    Liebe Annira! Das ist wirklich ein sehr gelungener Beitrag!
    Es ist interessant zu sehen, mit welchen Problemen Autoren während des Schreibprozesses konfrontiert werden.
    Ich selbst habe nie einen Schreibratgeber gelesen. Die Tipps, die du vorgestellt hast, sind (bis auf den ersten) meiner Meinung nach Blödsinn und gelten eher für das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit oder eines Sachtextes. Wie schafft man bitte Atmosphäre ohne Adjektive? Wie wird entschieden, was „überflüssig“ ist?
    Die meisten „Schreibtipps“ habe ich durch die Lektüre anderer Autoren, indem ich darauf geachtet habe, wie sie manche Probleme gelöst haben, beispielsweise „in medias res“ zu beginnen um die Aufmerksamkeit zu fesseln, niemals zu viel Exposition am Anfang zu geben, gezielt Cliffhanger anzuwenden usw…. Ich hatte das bisher immer das Gefühl, dass ich damit ausreichend gewappnet wäre.
    Allerdings habe ich bisher auch nur Fanfiction geschrieben, mit einer sehr klar umgrenzten Zielgruppe, die von Kapitel zu Kapitel live dabei ist, so dass man noch im Entstehungsprozess etwas abändern kann, falls die Leser negativ auf etwas reagieren – das wäre bei einem Roman nicht so einfach möglich. Das ist wohl auch der Grund, warum ich mich bisher noch nicht getraut hab, eines meiner Fantasy-Projekte tatsächlich in Romanform zu Papier zu bringen . Ohne dieses Feedback nach jedem Kapitel komme ich mir doch recht verloren vor.
    Vielleicht sollte ich doch mal einen Schreibratgeber lesen, um etwas souveräner zu werden. Kannst du einen guten Empfehlen?

  2. Sabine Osman schreibt:

    Sehr schön. 🙂
    Ich hab ja eine Allergie gegen Schreibtipps entwickelt.
    Also gegen diese platten Schreibtipps, die jeder per copy-paste im Web wiederkäut. Es hat einen Grund warum unsere Sprache Adjektive hat. Zwischen Adjektive nutzen und Purple Prose liegen immer noch ein paar feine Abstufungen. 😉
    Ich sage mittlerweile einfach nur: Manchmal ist es eine ‚dark and stormy night‘.
    Und wenn es das ist, dann darf man das auch schreiben. 😉

  3. IshiraInagi schreibt:

    Ich habe mehrere Scheibratgeber gelesen und fand einige Tipps sehr hilfreich, andere nicht. Zum Beispiel gehöre ich auch zu denen, die gerne Adjektive verwenden, und ich bin sicher kein Fan von ’sagte er‘, ’sagte sie‘. Wozu besitzt die deuschte Sprache so viele schöne Ausdrucksverben? Man sollte halt nur nichts übertreiben. Zwei Tipps, die ich mir allerdings immer wieder gerne vor Augen führe, sind folgende: 1. Alle Sinne des Leser ansprechen und 2. Möglichst spät in eine Szene einsteigen und möglichst früh wieder aus.

  4. Magnetischer Friede schreibt:

    Ja.
    E.T.A Hoffmann oder Kafka, beispielsweise, mussten schon selber verrückt werden, dass konnte denen auch keiner beratend abnehmen. Und die haben coole Fantasy geposted.

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