Literarisches Experiment: Leser bestimmen, wie der Roman weitergeht

Wie werden Bücher, wenn Leser den Fortgang der Handlung bestimmen? Der Autor Björn Büchler hat mir von seinem interessanten Projekt mit einem interaktiven Abenteuerroman erzählt. Im folgenden Interview erfahrt ihr mehr.

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1. Hallo Björn, du machst gerade ein literarisches Experiment. Erzähl uns doch kurz, worum es da geht.

Mein Experiment ist eine Art interaktiver Abenteuerroman. Er besteht aus kurzen Textabschnitten, die mit verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten des Protagonisten enden. Diese Optionen können dann mithilfe eines Votings von der Community ausgewählt werden. Die Mehrheit entscheidet, wie die Geschichte weiter geht. Die Besonderheit besteht darin, dass die folgenden Textabschnitte noch nicht existieren. Ich schreibe sie erst nach der Wahl und abhängig von der Reaktion der Community.

2. Wie bist du auf diese Idee gekommen? Ist das dein erstes Buchprojekt oder hast du schon Erfahrung mit literarischem Schreiben?

Die Idee für ein literarisches Communityprojekt kam mir bei der Überarbeitung meines ersten Romans (geschrieben habe ich bislang zwei). Ich wollte ein interaktives Buch schreiben, das von der Community beeinflusst, oder sogar mitentwickelt wird. Wie genau das aussehen sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Die Idee für das Bermudaexperiment kam zufällig, als mir auf dem Dachboden eines meiner alten Abenteuer-Spielbücher (der Gänsehautreihe) in die Händen gefallen ist. Davon war ich als Kind immer total fasziniert gewesen. Auf ihnen basiert das Grundprinzip des Bermudaexperiments.

3. Wo liegt der Startpunkt deiner Story? Worum geht’s am Anfang? (zusätzlich gerne einen Textausschnitt + Link zu Leseproben geben)

[Anfang der Leseprobe]

14.35 Uhr zeigen die neongrünen Ziffern meiner Digitaluhr. Ich sehe nach vorne. Das Bild vor meinen Augen ist atemberaubend. Die nahezu kreisrunde Lichtung ist durchzogen von surreal wirkenden Lichtstrahlen, die wie geisterhafte Schleier den  Ort durchdringen. In dem dunstigen Licht flattern Schmetterlinge und kleine mottenähnliche Insekten und hauchen in ihrem Treiben dem Ort eine Seele ein. Die dicht bewachsenen Bäume um mich herum erscheinen wie kunstvoll geschwungene Pinselstriche aus Braun- und Grüntönen in einem Ölgemälde der Romantik. Wenn etwas den Zauber und den Frieden dieses Ortes stören könnte, sind wir es.

Ein Dutzend Männer und Frauen überqueren vor mir die Lichtung, schleppen Kisten, ziehen beigefarbene Planen über die Aluminiumgerüste der Zelte und bauen verschiedene Gerätschaften zusammen. Die Stimmung ist gut. Die vielen Gespräche und Rufe, die zu einem eigentümlichen Geräuschbrei verschwimmen, sind hier und da gespickt von ein paar gut gelaunten Lachern. Man könnte meinen, dass sich niemand mehr im klaren darüber ist, in welche Gefahr wir uns begeben haben. Niemand von uns weiß, was sich im Dickicht befindet, welche Augen uns aus dem Dunkel des Unterholzes beobachten. Aber Unwissenheit ist scheinbar der Preis für eine Expedition in ein Gebiet, das vor uns möglicherweise niemals jemand betreten hat. Mehr Sorgen, als die Gefahren selbst, machen mir jedoch die eher bescheidenen Fluchtmöglichkeiten. Wer nicht in der Lage ist, dreihundert Kilometer bis zum Festland zu schwimmen, für den ist am nächsten Strand Endstation.

Während ich mich in unserer provisorischen Heimat umsehe, kann ich kaum glauben, dass ich noch vor zwei Tagen siebentausend Kilometer entfernt in meinem kleinen Büro im Keller des Instituts gesessen und mit Phil telefoniert habe. Es war ein verregneter Donnerstagabend, an dem ich nun seit über zwei Tagen ohne Unterbrechung wach gewesen war. Ich saß im fahlen Lichtkegel meiner Schreibtischlampe, umwabert vom staubigen Dunst der verbrauchten Luft. Hinter mir stand ein Sammelsurium von Gerätschaften, die mit subtilem Summen und immer wiederkehrenden Klicklauten auf ihre Existenz aufmerksam machten. „Okay Chris, ich müsste das Ziel in zirka drei Minuten erreichen. Die Sicht ist gut. Ich bin gespannt, was wir hier finden.“, drang es knisternd aus dem Lautsprecher, der neben dem Telefon auf dem Schreibtisch stand. Neben ihm lagen unzählige leere Plastikbecher, die vom starken Kaffee dunkelbraun gefärbt waren. Mein Magen hatte schon vor ein paar Stunden angefangen, wütend zu rumoren, wobei ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob das am Schlafmangel, dem schlechten Essen oder an meiner Aufregung lag. In nur wenigen Sekunden würde sich entscheiden, ob mein Projekt, für das ich all die Monate so hart gearbeitet hatte, Wirklichkeit werden würde. Es stand auf der Kippe, ob ich in den nächsten Wochen ein unvergessliches Abenteuer erleben oder weiter mit trockenen Theorien in meinem kleinen Büro des Instituts versauern würde. „Noch da?“ Phils Stimme riss mich unsanft aus meinen Gedanken. „Chris, warum sagst du keinen Ton? Bist du eingeschlafen, oder was?“ Wieder sah ich auf den Lautsprecher. Es war ein seltsames Gefühl, mit dem kleinen leblosen Objekt zu sprechen, das meinen Kollegen vertrat. „Ich höre!“ erwiderte ich. „Ich befinde mich an der angegebenen Position. 25 Grad, 53 Minuten Nord, 73 Grad, 39 Minuten West.“

Die ganze Leseprobe: http://tinyurl.com/Bermudaexperiment-Leseprobe

4. Nach welchen Kriterien wählst du aus, welche Handlungsversion fortgeführt wird?

Welche Handlungsversion fortgeführt wird (insofern die Community keine neue erfindet) entscheidet alleine das Voting. Es wird nach 5-6 Tagen ausgewertet.

5. Wie offen ist deine Story für Fantasyelemente?

Das Buch ist als Communityprojekt offen für alles, da es noch nicht geschrieben ist. Wie das Buch sich entwickelt und welche Genre-Elemente es enthält entscheidet die Community. Wenn viele Fantasy-Liebhaber mitspielen wird es ein Fantasy-Roman.

Mehr zum Bermuda-Experiment auf Facebook:

tinyurl.com/bermudaexperiment

Danke für das Interview und noch viel Erfolg bei deinem interaktiven Abenteuerroman!

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