SF-Projekt „Galactic Developments“ – Interview mit Heiner Wolf

Heute gibt es ein Interview mit Heiner Wolf, der das Science-Fiction-Projejekt „Galactic Developments“ ins Leben gerufen hat. Im Folgenden erfahrt ihr, worum’s geht!

1. Was genau ist das Projekt „Galactic Developments“? Auf Ihrer Website bezeichnen Sie es als „Open Source Science Fiction Projekt“. Stellen Sie es doch kurz vor.

Galactic Developments schreibt die Geschichte der Menschheit in die Zukunft fort. Im Wesentlichen ist das eine optimistische Vision. Die Menschheit wurschtelt sich irgendwie in das interplanetare Zeitalter in dem die Menschen das Sonnensystem besiedeln. Einige Jahrhunderte spielt sich Geschichte vor allem im interplanetaren Raum ab und ein großer Teil der Menschen lebt nicht mehr nur auf der Erde. Später integriert sich die Menschheit in das interstellare Umfeld.

Die Menschen treffen auf viele Völker, die sich aber nicht immer brennend für die Menschen interessieren. Das heißt, keine übertriebene Hilfe von außen, aber auch keine existenzielle Bedrohung. Die Menschen mischen einfach mit, expandieren anfangs mit einem gewissen Druck, holen sich ein paar mal eine blutige Nase, kommen aber insgesamt ganz gut zurecht. Nach einigen hundert Jahren gibt es Menschen auf fremden Planeten, die dort seit Generationen mit anderen Völkern leben und noch nie etwas von der Erde gehört haben. Das alles spielt sich ab in den Randbereichen eines alten interstellaren Imperiums, das seine Grenzen nicht mehr so fest im Griff hat und deshalb für die ansässigen Völker neue Chancen und Risiken eröffnet.

2. Wie entstand das Projekt und was sind seine Ziele?

Bei Geschichte interessiert mich vor allem warum es zu gewissen Entwicklungen gekommen ist. Geschichte ist ja keine zufällige Abfolge von Ereignissen. Alles hat Hintergründe und ist oft vielschichtiger, als wir auf den ersten Blick sehen. Ich verfolge Trends in Vergangenheit und Gegenwart und überlege mir was in der Zukunft passieren kann, vor allem auch: warum. Galactic Developments ist dafür eine praktische Übung. Ich habe viel Spaß an Zukunftsthemen und Technologie und wollte mir selbst ein Zukunftszenario ausdenken, das die Extreme vermeidet. Galactic Developments ist nicht besonders optimistisch oder pessimistisch, nicht geprägt durch eine dominierende Technologie.

Viele Science Fiction spielen in einer Welt mit einem limitierenden Faktor. Limitierende Faktoren werden eingesetzt, um bestimmte Aspekte zu beleuchten oder besondere Situationen hervorzurufen. Beispiel Zeitreisen: Zeitreisen können die Geschichte bestimmen, wenn Zeitreisende wesentlichen Einfluss nehmen können. Um dies zu verhindern braucht man eine Zeitpolizei, die dann Thema der Erzählung ist. Oder anders herum: man braucht Zeitreisen, wenn das Thema einer Erzählung die Zeitpolizei sein soll.

Galactic Developments ist dagegen eine „normale“ Zukunftswelt. Es geht um das normale Leben normaler Individuen als Teil einer sich normal entwickelnden Zivilisation, wobei trotz aller Normalität für unsere Verhältnisse das Leben phantastisch ist, die Individuen vielfältig und unterschiedlicher sind, als wir es kennen und die interstellare Zivilisation gewaltig, wunderbar und überraschend ist.

3. Wer ist an dem Projekt bisher beteiligt und wie kann man sich selbst einbringen

Ich beschäftige mich vor allem mit der Rahmenhandlung. Mich interessieren die großen ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen. Auf einer Zeitleiste stehen die wichtigsten Ereignisse der nächsten tausend Jahre wie in einem Geschichtsbuch. Manchmal schreibe ich selbst Hintergrundmaterial, das einzelne Stellen genauer beleuchtet. Aber ich muss zugeben, dass meine Texte eher trocken sind. Ich schreibe keine packenden Geschichten mit guten Charakteren. Deshalb habe ich ein Hilfskonstrukt entwickelt: ich schreibe den Text aus der Sicht eines Protagonisten, der selbst kein toller Schreiber ist. Ein Bericht von einer Polizeirazzia auf einem Asteroiden, geschrieben vom Einsatzleiter, bekommt sicher keinen Literaturpreis. Das sind viele Fakten aneinandergereiht, mein Stil eben.

Aber ich würde gerne echte Geschichten lesen. Vielleicht gibt es Leute, die gute Geschichten schreiben können und ein Universum suchen. Die meisten Autoren wollen eher eine Story schreiben, als sich die Jahrhunderte davor und danach auszudenken. Manchmal ergibt sich aus mehreren Stories eine Hintergrundgeschichte und viele haben sicher Spaß daran, sich Universen auszudenken. Aber da wo die Story im Vordergrund steht, kann Galactic Developments einen Rahmen liefern. Vielleicht werden einzelne Stories aufgewertet, wenn man weiß, was vorher und hinterher passiert. Prequels und Sequels sind unheimlich erfolgreich. Wie wäre es, wenn andere Autoren ein Prequel schreiben ohne, dass man sich die Protagonisten teilen muss. Eine Story, die 50 Jahre nach einer anderen in Galactic Developments angesiedelt ist, bekommt automatisch einen Kontext. Jeder Autor entwickelt seine eigenen Charactere. Alle zusammen bauen die Marke auf, das IP.

Bisher gab es Kontakt mit einigen Autoren. Aber es ist noch nicht viel zusätzliches Material entstanden. Ich binde Material auf der Galactic Developments Webseite ein. Aber wahrscheinlicher ist, dass die Werke verlinkt werden. Jeder soll ja seine Inhalte bei sich behalten können. Wenn sich mehr Leute beteiligen wollen, dann wird die Webseite in ein Wiki umgewandelt, um allen Änderungen zu ermöglichen.

Open Source heißt hier, dass jeder mitmachen kann und dass jeder das Framework verwenden darf.

4. Auf der Website von Galactic Developments werden eine Reihe von Annahmen gemacht wie die Existenz fremder Völker im Universum. Stellen Sie uns ein paar dieser Annahmen vor und was das für die Zukunft der Menschheit bedeuten würde.

Es gibt viele fremde Völker und nur ein Teil der Milchstraße ist uns bekannt. Bei Galactic Developments ist die Galaxie sehr groß. Man braucht Jahre bis an das andere Ende und sieht dabei doch nur was am Rand des Weges liegt. Es gibt Imperien, aber auch genug Freiraum auf unbewohnten Planeten in dünn besiedelten Raumsektoren. Es gibt Zivilisationszentren und Hochtechnologie neben primitiven Planeten. Es gibt gigantische Organisationen, die tausend Lichtjahre und eine Billion denkende Wesen umfassen und es gibt unabhängige Individuen, die zwischen verschiedenen Völkern Handel treiben. Das schafft Raum für Abenteuer in der Wildnis. Aber trotzdem können andere Menschen ihr ganzes Leben in einer perfekt organisierten futuristischen Zivilisation verbringen und dort vielleicht eine Verschwörung im Netz aufdecken, bei der eine fremde Macht heimlich Mindstate-Backups manipuliert.

Bei all den interstellaren Imperien sollte man aber nicht vergessen, dass die Menschheit noch 500 Jahre im eigenen Sonnensystem verbringt. Das ist so viel Zeit, wie von Kolumbus bis zu uns. Da kann sehr viel passieren.

5. Ist beim Projekt Galactic Developments ein möglichst hoher Realismus wichtig oder mehr eine Art futuristische Fantasie?

Unbedingt Realismus. Alles muss naturwissenschaftlich erklärbar sein oder zumindest durch zukünftige Wissenschaft plausibel sein. Deshalb keine Magie, außer nach Arthur C. Clarke: „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Galactic Developments gehört fast zur Klasse der Hard Science SF. Aber eben nicht ganz. Denn wenn man in erträglichen Zeiten zwischen den Sternen reisen will, dann muss man zumindest an einer Stelle über die aktuellen Erkenntnisse hinausgehen. Überlicht-schnelle Raumfahrt ist ein schönes Beispiel, wie Galactic Developments versucht, sich entlang des Vernünftigen zu bewegen und trotzdem mehr zu bieten, als das was wir jetzt kennen. Es gibt heute Ideen, wie man scheinbar schneller als das Licht reisen kann, indem man den Raum krümmt. Es gibt aber noch nicht mal ansatzweise Techniken, die das wirklich bewerkstelligen. Früher sagte man, dass nichts fliegt, was schwerer ist als Luft. Irgendwann hat man den Tragflächen-Effekt entdeckt und damit die „schwerer als Luft“ Beschränkung umgangen. Wir werden die Lichtgeschwindigkeit nicht überschreiten, aber eine Technologie finden, die sie umgeht.

6. Wo wird die Menschheit dem Szenario des Projekts zufolge im Jahr 2100 stehen? Und wo 2400?

2100 gibt es mehr Menschen, mehr Technologie und mehr Wohlstand in den hochentwickelten Regionen der Erde. Es gibt immer noch Armut und Not, aber weniger sehr arme Länder. Dafür gibt es neue Gefahren und Konflikte. Alte Probleme, wie Energie und Unterernährung werden erst im 22. Jahrhunderts gelöst. Die Welt ist intensiver und größer, als heute, aber nicht besser.

Im 24. Jahrhundert leidet die Erde schon unter einem halben Jahrtausend Ausbeutung und ist mit sich selbst beschäftigt. Geschichte findet vor allem im Sonnensystem statt. Milliarden Menschen leben verteilt zwischen Erdorbit und Saturn, Millionen auch darüber hinaus vom Merkur bis zum Kuipergürtel. Die Zivilisation ist stark fragmentiert. Der dominierende Konflikt 2400 ist der Krieg zwischen Vesta und mehreren Asteroidenstaaten. Grund ist die Wandlung des transorbitalen Ausgleichs zum Machtinstrument. Die ursprünglich ökonomische Theorie wandelte sich unter dem Nabenrat von Vesta-Prime in eine politische Bewegung, die für Eroberungen missbraucht wird. http://jmp1.de/g/dsk/2400

Im 28. Jahrhundert ist die Menschheit in die interstellare Zivilisation integriert. Die Menschheit kolonisiert viele Planeten und handelt mit vielen Völkern. Das geschieht in den Randbereichen des untergehenden Interianischen Imperiums. Aufgegebene interianische Stützpunkte und ihre hochentwickelte Ausrüstung fallen in die Hände von Völkern, die mit der Machtfülle nicht sehr verantwortungsvoll umgehen. So kommt es im ganzen Sektor immer öfter zu Überfällen von Neobarbaren auf hochentwickelte Bevölkerungszentren, die sich erst langsam gegen die neue Bedrohung wappnen. http://jmp1.de/g/ndis/

7. Was halten Sie von der Science Fiction Literatur, wie sie bisher besteht?

Ich liebe Zukunftsszenarien in denen nicht nur eine Story erzählt, sondern ein Universum beschrieben wird. Aber als ich vor kurzem mal eine Empfehlungsliste von SF Romanen zusammengestellt habe, ist mir aufgefallen, dass ich gar nicht so viele tolle packende Werke kenne, die auch alleine richtig gut sind. Ich war immer wieder versucht, die ganze Serie zu empfehlen. Aber man kann ja dem eiligen Leser, der mal einen guten SF Roman will, nicht “alle Culture Romane von Iain Banks“ empfehlen. Eines herauszugreifen ist nicht leicht. Anders ausgedrückt: es drängen sich keine einzelnen Romane auf. Ich frage mich, ob das eine Schwäche der SF Literatur ist oder ob Serien grundsätzlich stärker sind. Wenn letzteres zutrifft, dann kann Galactic Developments vielleicht helfen, einzelnen Romanen Tiefe zu geben.

Das Interview führte Annira Falter, Autorin von „Astarian„.
Webpräsenzen von Dr. Heiner Wolf
http://lupuslabs.de/
http://blog.wolfspelz.de/
http://www.virtual-presence.org/
http://www.openvirtualworld.com/

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