Zwerge, Vampire, Pokémon! – Japanische Fantasy ist anders!

Manga-Fans und Japan-Fans wissen es schon lange: Die japanische Fantasy ist irgendwie anders. Mangas und Animes versprühen eine Art von Fantasie, wie man sie im Kulturkreis von Europa und Amerika kaum findet.

Zwerge kennt jedes Kind

So viel Fantasie die großen Fantasywerke wie „Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ auch haben mögen, so spüren wir vermutlich alle, dass es eine Art von Fantasie ist, die tief mit der europäischen Kultur verwurzelt ist. Elfen, Zwerge, Zauberer, Ritter … Man merkt diesen Fantasybüchern eine gewisse Traditionalität an. Auch wenn wir über einige Ideen in diesen Werken staunen, im Großen und Ganzen haben wir nicht das Gefühl, dass unsere phantastische Vorstellungskraft auf eine harte Probe gestellt wird. Eher schon haben wir den Eindruck, dass im Grunde „jedes Kind“ Zwerge, Zauberer und Drachen kennt und viele Fantasybücher erwecken diese Wesen nur zu neuem Leben mit eigener Interpretation.

Da kann schnell der Eindruck entstehen, Zwerge, Drachen und Zauberer sind ein Synonym für Fantasie schlechthin. Fantasybücher zu schreiben, scheint also vor allem zu bedeuten, Geschichten über traditionelle Fantasiewesen zu schreiben, die schon seit Generationen in der europäischen Kultur verwurzelt sind.

Japanische Fantasy mit eigener Tradition

Werfen wir aber einen Blick über unseren europäischen Tellerrand, sieht die Fantasy ziemlich anders aus. Typisch für Fantasy bzw. Fantasygeschichten aus Japan sind zum Beispiel Kreationen á la Pokémon und auch sonst kennt die japanische Mythologie allerhand an Geistern. Als Manga-Leser hat man bisweilen das Gefühl, für die japanischen Kinder ist das Allgemeinwissen, während wir Mühe haben, uns die Namen dieser Geister zu behalten

Und auch das Verhalten der Menschen gegenüber solchen Geistern ist in japanischen Fantasygeschichten eher gewöhnungsbedürftig für uns. In unseren Fantasygeschichten reagieren Menschen auf Fabelwesen meist auf zweierlei Weise:

Variante 1: „Hilfe, ein Geist!“

Variante 2: „Wow, ein Zwerg! Ich dachte, euch gibt es nur im Märchen!“

Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber ihr versteht sicherlich, was gemeint ist. Die normalen Menschen nehmen die Zauberei als etwas Besonderes wahr (siehe Harry Potter). Japanische Protagonisten bleiben dagegen häufig „cooler“, wenn sie einem Geist begegnen. Es herrscht mehr Harmonie zwischen Fantasie und Realität. Wer sich nicht vorstellen kann, was ich meine, dem empfehle ich den Anime-Film „Chihiros Reise ins Zauberland“. Nach diesem Film werdet ihr sicher verstehen.

Auch die Magie und die Kampfsysteme sind in japanischer Fantasy anders. Sie sind oft komplexer und abstrakter, auch wird mehr „Rechnerei“ mit Magie betrieben, ähnlich wie in Rollenspielen. Ein gutes Beispiel ist hier die Anime-Serie „Yu-Gi-Oh“. Auf so was scheinen irgendwie nur die Japaner zu kommen … Und zugleich lieben Japaner eine effektvolle Inszenierung der Magie, was man etwa bei der Verwandlung der Mädchen in „Sailor Moon“ sieht. Es wird gerne viel Brimborium mit Licht, Strahlen, Farben, Sternen und Co. gemacht.

Europäische Fantasy dagegen kommt oft bescheidener, aber zugleich auch dinglicher daher: Der Zauberer, der ein Kaninchen aus dem Hut zieht, das Verwandeln von Prinzen in Frösche, das Fliegen mit dem Besen …

Ach ja, und nicht zu vergessen das japanische Mittelalter: Wo bei uns in Mittelaltergeschichten bzw. in Mittelalter-Fantasy Burgen, Könige, Holzhütten, Ritter, Wildjäger und Prinzessinnen vorkommen, da wimmelt es in japanischen Geschichten von Häusern in typisch japanischem Stil, von Samurai, Frauen in Kimonos, Kaisersleuten und vielem mehr.

Japan meets Europa und umgekehrt

Natürlich vermischen sich Fantasy-Kulturen auch. In Japan werden Ideen aus europäischen Märchen aufgenommen und immer mehr deutsche Japan-Fans greifen begeistert Elemente der japanischen Kultur auf. Und dann gibt es noch weitere Fantasykulturen, etwa arabische Fantasy (Aladdin, Märchen aus 1001 Nacht).

Dennoch, wer einen Blick über die bisherige Landschaft der deutschen Fantasybücher wirft, der findet vor allem Fantasywerke, die deutlich mit der europäischen Kultur verwurzelt sind.

Ist neue Fantasy ohne klare Tradition möglich?

Fantasywelten ohne konkretem Bezug zu traditionellen Fantasy-Elementen … gibt es so was? Also Fantasywelten, die weder auf japanische Geister noch auf europäische Fabelwesen und auf andere Fantasy-Kulturen klaren Bezug nehmen?

Nun, vielleicht kann man das von einigen Science Fiction Büchern behaupten. Dort werden schon mal Welten und Wesen entworfen, wo man keinen klaren Bezug zu Mythen aufstellen kann, vielleicht auch bei den Navi aus dem Film Avatar (was natürlich nicht heißen soll, dass es keine Parallelen zu bereits existierenden Ideen gibt).

Zwei Versuche, Fantasyromane ohne Bezug zu traditionellen Legenden zu schreiben, stellen übrigens die Bücher „Astarian“ und „Dscheiga“ von Annira und Tasia Falter dar. Vom Flair her sind beide Bücher sicherlich näher an Mangas und fantasievollen Science-Fiction-Welten dran als an Mittelalter-Fantasy. Auf der anderen Seite kommen keine „handfesten“ Elemente aus der japanischen oder europäischen Fantasy vor (also „wikipediataugliche“ Elemente), sondern „frei“ erfundene Wesen und Welten.

Aber was meint ihr? Gibt es Fantasybücher, die nicht mit einer Tradition verbunden sind, sondern wo man behaupten kann, dass sie eine Art „neue Fantasy“ sind? Schreibt uns eure Meinung in einem Kommentar! Oder vielleicht sogar einen Buchtipp!

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Eine Antwort zu Zwerge, Vampire, Pokémon! – Japanische Fantasy ist anders!

  1. Hannah S. Baum schreibt:

    Naaah, ich denke, man darf die „europäischen“ Fantasie-Wesen/Mythologie nicht unbedacht in einen Topf werfen. Vieles im nordischen Raum beispielsweise ist hier überhaupt nicht bekannt und würde in jedem Fantasy-Roman als sehr unkonventionell auffallen (genauso wie japanische Fantasy hier als sehr ungewöhnlich aufgefasst wird), beispielsweise Huldras, die hier so gut wie niemand kennt.
    Die Fantasy-Elemente á la Zauberer, Drache, Einhörner & Co. bilden nur einen minimalen Teil der europäischen Mythologie. Wenn man sich mal ein mythologisches Lexikon zur Hand nimmt, wird man erstaunt sein, wie viel auch unsere Breiten zu bieten haben, z.B. Alben, Bachkälber und der gleichen. Damit möchte ich nur sagen, dass europäische Mythologie nicht gleich „traditionell“ sein muss. Natürlich werden in der Literatur wieder und wieder die gleichen Klischees aufgewärmt, aber das bedeutet nicht, dass damit die komplette Mythologie abgedeckt wäre.
    Ich glaube dennoch, dass es möglich und wichtig ist, völlig neue Welten zu erschaffen, ohne jeden Bezug zu bereits Dagewesenem. Allerdings finde ich das persönlich sehr schwierig, weil ich so stark in bestimmten Rezeptionsmustern verhaftet bin, dass das Ausbrechen daraus wirklich eine Herausforderung darstellt. Daher bewundere ich es umso mehr, wenn es jemandem gelingt.
    Spontan empfehlen könnte ich höchstens den Comic „Koma“ von Wazem und Peeters, der mich extrem beeindruckt hat. Aber bei Comics sieht das noch mal ganz anders aus als auf dem Buchmarkt ^^;

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